Nur fliegen ist schöner

Digitalisierung im Fuhrparkmanagement | Die digitale Revolution steht noch bevor. Denn obwohl heute schon viele Bereiche digitalisiert sind, gibt es noch viele Anwendungen, die auf ihren Durchbruch warten.

Fahrzeugkonfiguration und Bestellung, Auswertung der Kosten und Verbrauchsdaten oder die Führerscheinkontrolle: Das und noch viel mehr läuft im Fuhrparkmanagement heute wie selbstverständlich digital ab. Aber ein Ende der Entwicklung ist noch lange nicht erreicht. Dass eine digitale Revolution erst noch bevorsteht, das glauben einige Experten des Flottenmarktes. So zum Beispiel Bernd Hanisch, Director Operations bei Ari Fleet Germany: „Wir gehen davon aus, dass wir auch heute noch am An- fang einer langen Entwicklung sind.“ Aus diesem Grund investiere Ari jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge in die Digitalisierung. Aber in welchem Tempo wird sie voranschreiten? „Wir rechnen damit, dass die Entwicklungsschritte der Digitalisierung in immer kürzeren Abständen erfolgen werden“, sagt Dieter Jacobs, Geschäftsleitung Fuhrparkmanagement bei Leaseplan Deutschland. „Der Grad der Digitalisierung geht einher mit der Entwicklung von Prozessor- und Speicherkapazitäten. Da sich diese fortsetzt, sind auch bei der Digitalisierung keine Grenzen erkennbar“, ist Matthias Rotzek, Geschäftsführer der HLA Fleet Services, überzeugt. Bestes Beispiel ist für ihn das autonome Fahren, das sich in den kommen- den Jahren rasant weiterentwickeln wird. Bisherige digitale Anwendungen im Fuhrpark setzen den Fuhrparkleiter ins Zentrum. Jacobs sieht daher noch besonderes Optimierungspotenzial bei Anwendungen für den Dienstwagennutzer. „Dies stellt eine neue Möglichkeit der Fahrerdirektkommunikation dar und entlastet auch den Fuhrparkleiter administrativ.“ Was nach Einschätzung von Hanisch heute noch fehlt, ist das bindende Element zwischen der Vielzahl von digitalen Anwendungen. „Alle Möglichkeiten zusammen müssen die sinnvollste Lösung für die Fuhrparks sein. Alles muss transparent und messbar werden“, sagt Hanisch. Das Schlagwort lautet Big Data. Datenströme kanalisieren und zielgerichtet nutzen
Full Service wird wie eine Musikkassette sein: Jeder denkt gern an sie zurück, keiner braucht sie.

Werden bis- lang einzelne Bausteine abgebildet, wird es künftig vielmehr darum gehen, die Datenströme zu kanalisieren und Massendaten zu nutzen, um an jedem Punkt des Lebenszyklus die richtige Entscheidung zu treffen. „Werden wir künftig noch ein Fahrzeug fix 48 Monate nutzen, wenn nach 26,75 der wirtschaftlich sinnvollste Tauschzeitpunkt sein wird? Müssen wir teure Wartungsraten kaufen, wenn wir durch Big Data die Reparaturkosten im Griff haben?“, zeigt Hanisch mit rhetorischen Fragen die Potenziale auf. Derzeit wird der aktuelle Kilometerstand noch durch die manuelle Eingabe des Fahrers beim Tankvorgang dokumentiert, wenn er es denn überhaupt korrekt macht. „Würde dies automatisiert erho- ben, wäre die Datenqualität deutlich besser und valider“, sagt Jacobs. Die Folge: Leasingverträge könnten bei Abweichungen von vereinbarten Laufleistungen besser angepasst werden. Ein Zukunftsthema ist für Leaseplan auch die prädiktive Instandhaltung, also die frühzeitige Information über nötige Wartungsvorgänge. „Darüber hinaus können frühe Informationen über drohende Defekte Schäden verhindern und die Fahrersicherheit erhöhen“, sagt Jacobs. Um zu erahnen, was im deutschen Flottenmarkt an digitalen Fort- schritten zu erwarten ist, hilft der Blick in Länder, die schon weiter sind. Zum Beispiel die USA, die uns laut Ari Fleet zehn Jahre voraus sind. Die Digitalisierung habe dort den Markt erneuert. Sie habe es möglich gemacht, dass Flotten heute günstiger „unbundled“ gemanagt würden, also auf Istkosten-Basis. In der Folge spiele das Geschäftsmodell Full Service mit geschlossener Abrechnung keine Rolle mehr, so Hanisch. Diese Entwicklung sieht er auch für Deutschland voraus. „Unbundled Servicelösungen sind das Resultat der Digitalisierung, Full Service wird die Musikkassette der Vergangenheit sein: Jeder denkt gerne daran zurück, keiner braucht und kauft diese mehr.“ Die Digitalisierung und die dadurch gewonnene Transparenz zeigten schon heute, so Hanisch weiter, dass Full-Service-Flotten nicht optimal gemanagt und um bis zu 20 Prozent zu teuer seien. Vielfältige Optimierung durch Telematik | Leaseplan sieht an zwei europäischen Beispielen im Bereich Telematik, wo die digitale Reise in Deutschland hingehen könnte. So habe es Leaseplan Spanien mittels Telematik geschafft, die Instandhaltungskosten um zwölf Prozent und den Kraftstoffverbrauch um acht Prozent zu senken. Bei den Kol- legen in Italien habe sich die Wiederauffindungsquote von gestohlenen Servicefahrzeugen durch Telematikeinsatz von 14 auf beachtliche 86 Prozent steigern lassen. Hanisch von Ari glaubt, dass Telematik auch den Flottenmarkt in Deutschland revolutionieren wird, wie es in den letzten zehn Jahren in den USA zu beobachten gewesen sei, weil sie Unternehmen unterstütze, wirtschaftlich richtige Entscheidungen zu treffen und so unternehmerischer arbeiten zu können. Sein Beispiel hierfür: „Wir schicken einen Monteur heute zu einem Kunden, der zwei Kilometer entfernt ist, obwohl dieser 2,5 Stunden im Stau stehen wird. Mit Telematik schickt der Disponent den Monteur, der zehn Kilometer entfernt ist, der aber in zwölf Minuten beim Kunden sein wird.“ Außer in der sinnvollen Disposition liegt der große Nutzen für ihn auch in der Reduzierung von Ausfallzeiten und in der aktiven Reduzierung der TCO. Dass die direkte Verbindung zum Fahrzeug heute in Deutschland noch in den meisten Fällen fehle, sei, so Rotzek, eine politische Hürde. „Nach unserer Einschätzung ist es erforderlich, dass auf Basis der bestehenden Gesetze Vereinbarungen zwischen Flottenbetreibern und Nutzern getroffen werden, die eine sinnvolle Anwendung der technischen Möglichkeiten erlauben“, sagt der Geschäftsführer. Autonom fahrende und fliegende Autos | Die Entwicklung des Fuhrparkmanagements in den kommenden Jahren wird für Rotzek maßgeblich davon abhängen, wie sich Konnektivität, Antriebsarten und neue Mobilitätsmodelle entwickeln werden. „Das autonome Fahr en steht vor dem Durchbruch. Dadurch wird sich Mobilität optimieren lassen, sowohl im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit wie auch Komfort.“ Durch Vernetzung und selbstfahrende Autos würden eine „tolle Kurvenlage und viel PS“ als Auswahlkriterien an Bedeutung verlieren, essenziell ist dagegen die Internetverbindung. „Die künftigen Generationen werden sich wahrscheinlich für WLAN entscheiden“, so Hanisch. Noch bevor das erste autonome Fahrzeug Serienreife erlangt hat, wird bereits mit Hochdruck an der fliegenden Variante gearbeitet. Laut Unternehmensberatung Frost & Sullivan soll es in den nächsten zehn Jahren die ersten Prototypen geben, bis 2035 sollen fliegende Autos dann schon die Luftüberwachung, den Transport lebenswichtiger Hilfsgüter oder Lufttaxifahrten übernehmen. | Mireille Pruvost


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